Lieber Herr Rütter,

by - Freitag, März 03, 2017

Lieber Herr Rütter,

ich muss gestehen, dass ich seit zwei Jahren nicht sehr oft zum Fernsehen komme. Früher hatte ich Sie allerdings immer sehr gerne geguckt. Immerhin haben sie die Tiere nicht körperlich attackiert und wollten ihre Verhaltensauffälligkeiten mit positiver Bestärkung behandeln. Im Laufe der Zeit, konnte ich mit Ihrem Weg, gefühlt alles mit dem Futterbeutel zu bearbeiten, nichts mehr anfangen und hinzu kam, dass die Zeit dann auch weg war, sodass der Fernsehr einfach ausblieb. Es war für mich kein Verlust, und für Sie ebenso wenig, dessen bin ich mir bewusst.

Letzte Woche, am 25. Februar 2017. ist mein Sohn allerdings doch etwas eher ins Bett gegangen und ich habe mal wieder in Ihre Fernsehsendung geschalten. Die VIPs durften dieses Mal bei Ihnen in die Lehre gehen. Unter ihnen auch Joey und seine Hündin Jersey. Ich muss gestehen, ich habe nicht viel gesehen, aber was ich gesehen habe, lässt mir keine Ruhe mehr. Jersey zog an die Leine, wie wohl alle Hunde, denen man es nicht beigebracht hat. Ihre Lösung, die sie laut im Fernsehen preisgaben, war, mit dem Hund "so lange Ball zu spielen, bis sie schielt". Auf dem Rückweg sollte man dann mit dem Hund das Leinelaufen üben. Dabei hat es mich am ganzen Körper geschüttelt und ihre Aussage ging mir bis heute nicht aus dem Kopf.


Bitte, wie können Sie so etwas vor einem Fernsehpublikum sagen?

Sind Sie sich über die Konsequenzen dessen bewusst? Wer schaut Ihre Fernsehsendung? Hundehalter. Zugegeben, viele sogar und auch zu ihren Live-Auftritten kommen viele. Auch ich habe meine Eltern schon zu Ihnen geschickt, damit sie ein wenig lernen können. Aber nicht nur Ottonormal-Hundehalter schaut Ihre Sendung. Auch diese, die sich Hilfe erhoffen und vielleicht zu geizig sind um zu einem richtigen Hundetrainer vor Ort zu gehen. Diese, die denken Sie können bei Ihnen noch etwas lernen. Auch wenn sie nicht alles von Ihnen kopieren, im Hinterkopf behalten sie trotzdem, was Sie gesagt haben. Und sie haben diesem Hundehalter geraten, seinen Hund mit Bällchenspielen so platt zu spielen, dass er dann auf dem Rückweg in aller Ruhe das Leinelaufen üben kann.

Wissen Sie, was mich daran am meisten stört?

Dem Hund wird durch das ständige Ballwerfen Stress zugeführt!

Sicherlich, auf jeder Hundewiese werden Bällchen und Stöckchen geworfen. Aber wie viele Balljunkies wollten Sie im Laufe Ihrer Hundetrainerkarriere schon behandeln? Dem Hund wird die Anforderung gestellt, dem Ball immer und immer wieder hinterher zulaufen und zwar ununterbrochen - solange, bis er "schielt". Dazu ist der Körper des Hundes aber nicht ausgelegt. Sicherlich kann er ohne Probleme rennen und auch Dinge apportieren. Ein Hund würde aber nie aus freien Stücken über eine halbe Stunde und länger etwas hinter rennen, was vor ihm wegfliegt. Oder kennen Sie ein Raubtier, dass seine Energiereserven aufbraucht für etwas, was aussichtslos ist? Tiere starten Jagdversuche (und nichts anderes ist das Bällchenwerfen) nur, wenn es sich lohnt, sprich wenn eine Belohnung oder Futter am Ende dabei rausspringt. Selbst wenn der Hund den Ball zu seinem Herrchen zurückbringt, wird dieser gleich wieder weggeworfen. Dadurch entsteht Disstress, sogenannter negativer Stress. Nur um das klar zu erklären: unter Stress versteht man "wenn die Anpassungsfähigkeit eines Tieres überfordert wird und dadurch dem Tier auf lange Sicht Nachteile für Gesundheit oder Fortpflanzungsmöglichkeit entstehen.". Dieses sinnlose rennen in Dauerschleife belastet das hündische System enorm. Ein normaler Hund würde dem Ball ein paar mal hinterher rennen und sich dann irgendwann hinlegen und sich ausruhen. Um die Anforderungen, immer hinter dem Ball her rennen zu müssen, aber deckeln zu können, zieht der Körper die benötigte Energie an anderer Stelle des Körpers ab. Zusätzlich werden im Körper die Stresshormone Katecholamine und Cortisol ausgestoßen. Durch die fehlende Regenerationszeit hat der Hund aber keine Möglichkeit, sich wieder zu erholen und den Stress abzubauen. Ein einmaliges Ballhetzen, ist noch nicht einmal das Problem. Mit genug Zeit zum regenerieren bis zum nächsten Ballhetzen, kann der Hund diesen Stress gut verarbeiten. Sie haben den Hundehaltern aber geraten das täglich zu tun. Das heißt, der Hund hat die eine Stresssituation noch nicht einmal verarbeitet und wird am nächsten Tag, oder wenn die Hundehalter sehr motiviert sind ein paar Stunden später, schon wieder in diese Situation gebracht. Der Hund, der ja gehorchen muss, darf sich dem nicht wiedersetzen und muss den Bällen weiter hinterherrennen. Was bringt man dem Hund damit also bei? Dass das Rausgehen mit seinen Menschen im absoluten Stress endet! Natürlich ist er nach einer langen Ballspielsession körperlich müde und kann nicht mehr so ziehen, wie er das anfänglich getan hat. Das könnten Sie auch nicht, wenn Sie gerade 10 Kilometer von einem Mann mit Kreissäge gejagt worden wären. Aber könnten Sie Zuhause dann gleich schlafen und zur Ruhe kommen? Innerlich ist der Hund so aufgedreht, dass er nicht zur Ruhe kommen kann und durch die fehlenden Ruhezeiten wird das zum absoluten Problem! Es gibt inzwischen so viele Hunde die Probleme haben, zur Ruhe zu kommen und sich zu entspannen. Dank Ihrer Sendung gibt es nun mindestens einen Hund mehr! Und ich möchte nicht wissen, wie viele andere es vor den Bildschirmen mit ihren Hunden nun gleich getan haben. Ein Erwachsener Hund braucht 12 bis 14 Stunden Schlaf am Tag. Das kann er aber nur, wenn die Hormone in ihn seinem Körper lassen. Nach diesem Gehetze ist das für den Hund aber nur sehr schwer bis unmöglich.

Lieber Herr Rütter, wie können Sie es verantworten einem Hund solch einen absolut unnötigen Stress zuzufügen, statt mit ihm auf einer positiven Ebene zu arbeiten? Können Sie mir das erklären?

Dini

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18 Kommentare

  1. Da bin ich froh auch selten fern zu sehen... dieses "Highlight" ist an mir vorbei gegangen.
    Verantwortungslos so einen Kommentar vor laufender Kamera zu sagen. Was soll das? Zu faul dem Hund die Leinenführigkeit vernünftig beizubringen? Bequemlichkeit? Oh man... kann verstehen, dass du sauer warst.
    Alles Wissenswerte was gegen das Ballspielen spricht, hast du genannt. Toll geschrieben!
    Liebe Grüße, Nicole

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    1. Dankeschön <3
      Bei uns gibt es Ballspielen auch nur sehr, sehr selten. Wobei wir ja eh so ein Sonderfall sind mit der ganzen Übernervosität. Aber das ging gar nicht... Warum kommt denn aber auch immer nur so ein Müll, wenn ich mal Zeit zum Fernsehen habe? ;)

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  2. Irgendwie bin ich ganz froh, dass wir seit November keinen Fernseher mehr angeschlossen haben.

    Hat er das wirklich gesagt? Ich weiß ja, dass er oft meint, die Hunde sind nicht ausreichend ausgelastet, aber Ballspielen bis er schielt?

    Was ist das denn für eine Aussage? Ist ein total ausgepowerter Hund noch in der Lage die Leinengührigkeit zu üben. Im Übrigen ist dieses Training doch auch kein Hexenwerk. Es gibt doch viele verschiedene Trainingsmethoden ohne das vorherige Ballspiel.

    Gut, ich habe es nicht gesehen und ich glaube, ich möchte es auch gar nicht wissen...

    Viele nachdenkliche Grüße
    Sabine mit Socke

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    1. Bei uns beschränkt sich Fernsehen inzwischen auch auf ein Minimum. Umso geschickter war ich, als er das wirklich gesagt hat. :(

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  3. Guten Morgen.
    Haben Sie eine Antwort von Herrn Rütter erhalten?
    LG

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    1. Hallo,

      bisher noch nicht. Mal gucken, ob noch etwas kommt!

      LG

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  4. Ich weiß schon warum ich nie Sendungen mit ihm anschaue und seine Bücher nicht lese

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  5. Ich habe diese angesprochene Folge auch gesehen und kann nur immer wieder mit dem Kopf schütteln. Entweder werden die Beiträge in sich tot wiederholt und man bekommt kaum Tipps für das angesprochene Problem, oder es werden solche Tipps wie mit dem Ball spielen gegeben. So oder so, die Sendung wird immer schlechter!

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  6. Sehr guter Artikel, vielen Dank dafür. Ich habe ihn beim Gewaltfreien Hundetraining und bei "TV-Hundetrainer - nein, danke" geteilt und hoffe, daß sehr viele Menschen ihn lesen und auch berücksichtigen.

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  7. Ich habe es auch gesehen. Ganz ehrlich? Ich sehe es nur noch als Unterhaltungssednung. Besonders gestern hatte es zeitweise mit Hundetraining echt wenig zu tun.

    Bzgl. Jersy denke ich einfach dass der Rütter dem Joey und Frau einfach keine Anspruchsvollere Aufgabe zugetraut hat. Schließlich kann nicht jeder mit dem Futterbeutel umgehen ... *hust*

    Liebste Grüße
    Dani mit Inuki und Skadi

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    1. Man dürfte die Show auch nur noch als Unterhaltungssendung sehen. Aber es gibt eben leider noch so viele da draußen, die dabei wirklich hoffen etwas zu lernen... Und das ist furchtbar :(

      Ich hab dann weggemacht. Ich hab inzwischen auch schon gelesen, dass Jersey wohl noch viel mehr über sich ergehen lassen musste... :-/

      Seid lieb gegrüßt!

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  8. So etwas hat mit "Unterhaltungssendung" nichts zu tun. Es gibt -wie in einem Kommentar und auch in dem Blog selbst- den Hinweis darauf, dass sich Menschen beeinflussen lassen durch die Aussagen von Herrn Rütter. Sie machen dann diese Übungen mit ihrem Hund und wundern sich, dass der Hund immer nervöser wird.

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  9. Ein super Artikel.... schlimm war auch die Folge wo vorgeschlagen oder eher ganz Deutschland empfohlen wurde. Eine Wasserflasche mit Nägeln oder ähnliches was scheppert zu füllen und diese als Negative Verstärkung einzusetzen, wenn der Hund für den Menschen "fehlerhaftes" verhalten an den Tag legt. Wochen danach liefen uns diese Halter die Bude ein.. Hunde wurden unsauber und apathisch bei Anblick von Flaschen durch die Konditionierung der Halter mit diesen scheiss Dingern. Die Leute sehen etwas was gemacht wird und machen es einfach nach. Als Unterhaltungssendung sehe ich diese Sendung nicht. Im Gegenteil, die Leute machen alles nach und der leidtragende ist der Hund! Auch diese Sendung hat eigentlich eine gewisse Verantwortung gegenüber den Hundehalter doch das muss bei diesem Mann über die Jahre definitiv verloren gegangen sein.....

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  10. Vielen Dank für diesen Artikel, er spricht mir aus der Seele!

    Und ich sehe schon meine Oma (die alles was im Fernseher läuft als Autorität sieht) vor mir, wie sie die Tipps verbreitet....
    Genau diese Hunde habe ich dann 2 Jahre später als krasse nervöse Balljunkies bei mir im Training.
    Und Menschen davon zu überzeugen, dass weniger manchmal mehr ist, fällt mir auch immer schwer, wenn sie vorher solche "Wahrheiten" konsumiert haben. Es ist zum heulen.
    Das führt zu soviel Ärger und Unverständnis zwischen Mensch und Hund - müsste alles überhaupt nicht sein.

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  11. Dein Artikel gefällt uns sehr gut. Rütter haben wir schon lange nicht mehr geschaut, weil es uns oft aufregt. Dein beschriebener TV Beitrag zeigt einen Grund dafür auf. Viele Hundehalter suchen Hilfe und meistens leider auch den angenehmsten und einfachsten Weg (und am besten nur nicht an sich selbst arbeiten müssen), so dass so ein Tipp "bis er schielt" wie gelegen kommt.Liebe Grüße von Annabelle mit Leroy und Melody

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  12. Toller Artikel!
    Ich möchte nur ergänzen, dass sogar 12-14 Stunden Schlaf zu wenig sind. Ein Hund sollte 17-20 Stunden schlafen bzw. ruhen!! ;)
    Liebe Grüße
    Renate mit Pongo

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